Hinduismus

 

Der Hinduismus ist keine eindeutige Weltanschauung, sondern einfach die Gesamtheit aller traditionellen Philosophien und Religionen des indischen Subkontinents. Trotz aller Verschiedenheiten gibt es doch einige Begriffe, die dort immer wieder vorkommen und einer davon ist die Vorstellung von Maya. Gemeint ist damit meist eine große Illusion, unsere allumfassende und falsche Sicht auf die Welt um uns herum.

Die große Programmierung

Diese große Illusion ist tief und so gut wie unausrottbar im Geist des Menschen verwurzelt. Ein Hindu-Philosoph beschreibt dies am Beispiel einer Mutter, die ihren Sohn über alles liebt, die die Augen davor verschließt, dass er zu einem brutalen Kriminellen herangewachsen ist und sich einredet, dass sie das aus Liebe tut.

„Sie versteht nicht, dass das nicht Liebe ist, dass es etwas ist, das ihr Nervensystem beherrscht, das sie nicht abschütteln kann, so sehr sie es auch versucht, sie kann die Fesseln nicht abstreifen, die sie gefangen halten. Und das ist Maya.“ Swami Vivekananda, von dem dieses Zitat stammt, ist 1902 gestorben, so dass er noch keine Computer kannte, aber er beschreibt das hier so genau, dass wir sagen können: Maya programmiert uns, die Welt auf eine gewisse Art zu sehen, sehr mächtig und kaum zu überwinden.

Maya und die Rolle im Leben

Das Steintraining hat hier seine eigene Antwort: Was uns so programmiert, ist unsere Vorstellung von unserer Rolle im Leben. Solange dies die einzige Quelle unserer Identität, unser einziger Halt, unsere einzige Achse ist, werden wir uns die Welt um jeden Preis so zurecht lügen, dass sie diese Rolle stützt und bestätigt. Die Frau in dem Beispiel hat nur ihre Mutterrolle und dazu gehört die Illusion, dass sie die Mutter eines guten Sohnes ist, sein muss, weil sie sonst die Achse ihres Lebens verliert.

Die Vorstellung von Maya ist dann insbesondere deshalb faszinierend, weil sie behauptet, dass dieses Sich-schön-lügen der Welt eine umfassende, übermächtige Programmierung erzeugt, die uns an keiner Stelle loslässt, dass es so etwas wie einen natürlichen, richtigen Blick auf die Dinge gar nicht gibt.

Innen oder Außen

Ich habe zu Beginn daran erinnert, dass sich hinter dem einen Wort „Hinduismus“ ein weites Feld mit unterschiedlichen Theorien und Praktiken auftut. Aber an diesem Punkt stimmen die meisten Vertreter doch überein.

Nach ihrer Lehre muss man innen ansetzen, um Maya zu überwinden. Sie ist nur zu besiegen, indem wir unseren Geist fundamental verändern. Was sich ändern muss, ist die Art, wie wir die Welt betrachten, wenn wir sie auffassen als ein Spiel zwischen zwei Polen, zwischen uns als dem Betrachter und den Dingen da draußen, die von uns betrachtet werden. Wenn wir diese Zweiteilung überwinden, wenn Betrachter und Betrachtetes eins wird, dann wird auch die Maya überwunden.

Das Ziel ist sicher ähnlich, aber der Weg und die grundlegende Philosophie des Steintrainings sind hier genau entgegengesetzt. Der Weg ist es, der Außenwelt, den Dingen zu vertrauen und darauf, dass es diesen natürlichen Blick auf die Dinge sehr wohl gibt. Der Weg ist es, poetisch gesagt, der Weisheit des Steins zu vertrauen und sich davon leiten zu lassen und dass diese Weisheit hinreichend ist, um die Maya zu durchbrechen.

Wege

Wirklich beurteilen könnte diesen Gegensatz höchstens ein Mensch, der beide Wege gegangen ist. Vielleicht. Denn bei zwei unterschiedlichen, tief gehenden geistigen Umwälzungen ist es nicht möglich, die Ergebnisse von beiden gleichzeitig im Bewusstsein zu halten. Es ist allenfalls möglich, hin und her zu schalten und, je nachdem, wo man ist, wird dann die jeweils andere Lösung nur mehr blass und flach im Gedächtnis bleiben.

Trotzdem lässt sich zumindest dies sagen: Eine der anspruchsvollsten und angesehensten Meditationsformen im Hinduismus, die Technik des Vipassana, hat in ihrer vierten und höchsten Stufe das Ziel, „die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind“. So unterschiedlich das Steintraining auch ist, das Ziel selbst, die Vorstellung, wo man eigentlich hin will und die Sehnsucht, dieses Ziel zu erreichen, scheinen in ihrer Wurzel von der gleichen Art zu sein.