Mrz 242014
 

Mir geht es heute nicht so besonders. Zu viel Tod.

Ich bin in dem Alter, in dem man zu viel schlechte Sachen hört, wenn man alte Freunde trifft. X hat Krebs, Y auch und Z auch. Gut. All die hatten ihr Leben, auch wenn man heutzutage auf 85 programmiert ist. Die Kinder, falls welche da sind, stehen auf eigenen Beinen, der Partner ist versorgt. Ich habe es erlebt: Man kannn dem Tod ins Auge sehen und mit Würde gehen.

Aber dann läuft mir eine Klassenkameradin meines Sohns über den Weg. Wir reden über dies und das und zuletzt frage ich nach dem Tuch, das sie kunstvoll um den Kopf geschlungen hat. Ich werde da immer nervös, wenn keine Haare drunter rausschauen.

Und ja, sie hat Krebs. Eine ekelhafte Version mit Hang zu Metastasen. Und sie ist nicht in den Griff zu kriegen, die Chemo ist schon fast vorbei und das Ding ist immer noch viel zu groß. 32 Jahre, ein Kind.

Neulich war ich auf einer Beerdigung, 85 Jahre, ein erfülltes Leben mit einem tiefen Glauben. Es wurden Lieder gesungen wie „Lobe den Herren“ mit dem schönen Text: „… der dich erhält, wie es dir selber gefällt. Hast du nicht dieses verspüret?“

Nicht so wirklich, Alter.

Das Lied, das mir gerade näher liegt ist Oh death. Hier eine der besten Versionen auf Youtube. Eine der Textversionen ist hier.

Gerne wird hier das Hohe Lied Salomons zitiert, mit „die Liebe ist stärker als der Tod“. Eben habe ich eine neue Übersetzung gelesen, darin geht es so weiter: „Und ihre Leidenschaft ist hart wie die Unterwelt“. I

m Hohen Lied wie im Leben gibt es viele schöne, warme, weiche Stellen („Seine Linke liegt unter meinem Haupt und seine Rechte herzt mich“). Aber irgendwo wartet auch immer das Andere, die Unterwelt, hart und kalt wie eine Messerklinge, die gegen meine Wange gedrückt wird. Ein Glaube, jeder Glaube, der etwas taugt, muss beides umfassen.

Es gibt Zeiten, in denen ich nur die Messerklinge spüre: Was ist das, ich seh‘ es nicht, eine eiskalte Hand nimmt mir das Licht (what is this that I cant see with ice cold hands taking hold of me). Es gibt da zwei Wege. Der Glaube kann mich woanders hinbeamen oder er es zumindest versuchen, er kann vom Himmel erzählen, der nachher kommt oder von dem großen Muster, das ich jetzt leider nicht sehen kann, aber in das das Messer doch irgendwie hineinpasst und in einer größere Harmonie aufgehoben wird.

Oder ich kann tief Luft holen und in die Kälte und Härte hineingehen, marcher aux canons. Wenn es Wahrheit gibt, muss sie da drin zu finden sein und gerade da drin. Und nö, Freunde, eure ganze souveräne säkulare Bürgeridentität mit all den Knöpfen und Schaltern und Versicherungen und Selbstverbesserungsbüchern für jede denkbare Situation ist da um einige Ticks zu weit weg. Zu weit weg von den alten Wegen, gegangen von Leuten, die das Messer immer auf der Haut hatten.

Okay, irgendwie funktioniert das nicht mehr so richtig. Sagen wir, diese Alten tanzen uns etwas vor, das irgend was zu machen scheint mit ihnen. Was? Das ist die Frage. Was war es, das Hiob gesehen hat? („Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen, aber nun hat mein Auge dich gesehen„, Hiob 42,5)

Wir zeichnen die Schritte auf und machen sie nach, aber es ist nicht mehr dieser Tanz. Die schlauen Leute um uns herum stehen mitleidig am Rande und schauen sich das Gehampel an, erklären uns, dass das eben die falsche Weltsicht von Leuten war, die nicht wussten, dass die Erde um die Sonne kreist und all das. Aber (das sage ich) wenn wir das kalte Messer spüren – spüren, nicht ansehen, vermessen oder wegtherapieren – dann kann etwas aufblitzen. Vielleicht nur für einen kurzen Moment, aber der kann uns den Weg zeigen.

Oh death.

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  One Response to “Oh death”

  1. Also, da geht man rein in die Kanonen. Da ist dieser Pantokrator, der das alles will. (will? eine Person? Was ist eine Person?) Der also nicht gut ist. Notwendigerweise.
    Ein Kommentar zu Das Auge, das Blut und das Feuer, besagte, dass der Kommentierende das letzte Kapitel in der Kirche nicht verstanden hätte. Die Sache mit dem Blutstropfen.
    Das ist der Knackpunkt. Das mit dem Pantokrator ist nachvollziehbar, das weitere schwerer.
    Wohin also soll das Messer den Weg zeigen außer dass der Pantokrator nicht gut ist?
    Der eigene Sohn stirbt den politischen Foltertod. Gottes Sohn selber. Gott haut ihn nicht raus. was folgt daraus?

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